Im Zentrum des Grindel-Viertels, auf halber Höhe des Grindelhofes und unmittelbar neben der wiedereröffneten Talmud-Tora-Schule liegt der Joseph-Carlebach-Platz, ehemals Bornplatz, auf dem bis zu ihrer Zestörung die große Synagoge stand. 1906 nach Plänen des Regierungsbaumeisters Ernst Friedheim und des
Architekten Semmy Engel errichtet, bildete sie den Mittelpunkt des religiösen jüdischen Lebens in Hamburg. Sie war die größte Synagoge Norddeutschlands, bis zu 1200 Gläubige fanden in ihr Platz.
Historische Aufnahme der SynagogeIn der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie in Brand gesetzt, schwer beschädigt und danach, von Juni 1939 bis zum 10. Januar 1940, abgetragen - wofür die jüdische Gemeinde die Kosten aufbringen mußte.
Wenig später errichteten die Nazis inmitten des Bornplatzes einen heute noch erhaltenen Hochbunker, der den ursprünglichen Platz in zwei Hälften, heute Allendeplatz und Joseph-Carlebach-Platz, teilt.
1987/88, zum 50 Jahrestag der Zerstörung, wurde auf dem nördlichen Teil des Bornplatzes nach Entwürfen des Architekten Bernhard Hirche und der Künstlerin Margrit Kahl ein Synagogenmonument errichtet, ein Jahr nach der Einweihung des Monumentes folgte die Umbenennung dieses Teils des ehemaligen Bornplatzes, bis dahin "neuer Bornplatz" genannt, in Joseph-Carlebach-Platz – zum Gedenken an Dr. Joseph Carlebach, der von 1936 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt 1941 der letzte Oberrabbiner von Hamburg war.
Nachdem der erste Entwurf aufgrund von Bedenken seitens der Jüdischen Gemeinde verworfen wurde, wurde eine alternative Lösung schließlich realisiert: Polierte schwarze Granitsteine zeichnen die Linienführung des Deckengewölbes der Synagoge im Originalmaßstab nach. Der Platz vom ehemaligen Hochbunker aus gesehenDie umschlossenen Flächen wurden mit nicht poliertem, grauem Granit gepflastert. Die genaue Lage der zerstörten Synagoge, die anhand alter Fotos und nach Grabungen ermittelt werden konnte, wird somit sichtbar. Ihr Eingang lag zum Grindelhof hin. Nach Osten hin, in Richtung des Universitätsgeländes erhoben sich die 40 Meter hohe Kuppel und die Hauptapsis mit dem Tora-Schrein.
Der Platz, der bis zu seiner Neugestaltung als Parkplatz diente, ist heute eine Freifläche und ausschließlich Fußgängern vorbehalten. An der Rückseite des ehemaligen Bunkergebäudes befindet sich eine Gedenktafel mit einem kurzen Abriß der Geschichte der Synagoge. Durch die Anordung der Baumreihen und Sitzbänke wird der Bezug zur im Sommer 2003 wiedereröffneten Talmud-Tora-Schule hergestellt, die sich auf der dem Allendeplatz gegenüberliegenden Seite anschließt.

Der Zustand des Platzes war über Jahre hinweg vernachlässigt worden. Weder Bezirk noch Kulturbehörde sahen sich in der Verantwortung, die Pflege des Monuments zu gewährleisten. Die Folge: der Platz verdreckte, Unkraut wucherte zwischen dem Pflaster und beeinträchtigte die Lesbarkeit des Monuments.
Pflastermosaik mit Unkraut
Die Initiative wollte sich mit dem Zustand nicht länger abfinden - zumal im zuge der "Entpollerungsmaßnahmen" im Viertel auch Gerüchte über eine möglich Teilöffnung des Platzes kursierten.
Nach Rücksprache mit und mit logistischer Unterstützung der Gartenbauabteilung des Bezirks organisierte die Initiative am 5. April 2003 unter dem Motto "Lasst kein Gras drüberwachsen" eine demonstrative Reinigung des Platzes.

Eine Weitergehende, regelmäßige Betreuung und Pflege der Gedenkstätte ist seit dem 30. Oktober 2003 durch das Projekt SMS-Sozial-Macht-Schule des Arbeiter-Samariter-Bundes gewährleistet. Drei Jahre lang werden Gruppen aus verschiedenen Hamburger Schulen im Rahmen eines für sie zeitlich begrenzten Sozialpraktikums die Pflege des Platzes übernehmen.
Doch nicht nur Unkrautzupfen und Fegen stehen dabei auf dem Programm, sondern auch die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Platzes und des Stadtviertels.

 

Marc-André Gustke