Die Lösung für den Grindelhof
Bausenator will "wechselnde" Einbahnstraße

Von Martin Kopp

Hamburg - Sechs Jahre lang war der Grindelhof ein Zankapfel Hamburger Verkehrspolitik. CDU, Schill-Partei und FDP wollten die verkehrsberuhigte Verbindungsstraße zwischen Hallerplatz und Grindelallee für den Verkehr in beide Fahrtrichtung wieder öffnen. SPD und GAL warnten, damit würde das Viertel seinen Charme verlieren. Doch nun, nach etlichen Standortanalysen, Ortsbegehungen und einem Bürgerbegehren, zeichnet sich eine Lösung ab, mit der das Kriegsbeil endgültig begraben werden könnte. Sie lautet: Der Grindelhof bleibt, wie er ist - beinahe. Bausenator Mario Mettbach bestätigte gegenüber der WELT am SONNTAG, dass ein größerer Umbau der Straße vom Tisch ist. Stattdessen denkt er an einen kleinen Eingriff in die Verkehrsführung: "Ich würde die Verkehrssituation am Grindelhof ungern so belassen, wie sie ist, möchte aber auch keine großen baulichen Veränderungen vornehmen. Deshalb plädiere ich für die Sierichstraßen-Lösung", so Mettbach. Das bedeutet: Morgens sollen die Autos, aus Richtung Hochallee kommend, künftig in die Stadt hineinfahren dürfen. Nachmittags wird der Verkehrsfluss wie in der Sierichstraße umgedreht und der Grindelhof zu einer stadtauswärts führenden Einbahnstraße. Bei CDU, Schill-Partei und FDP stieß der Vorschlag des Senators auf offene Ohren: Auch hier sieht man vom Umbau des Grindelhofs ab, in erster Linie aus finanziellen Gründen. Bei der Investitionsklausur vor einer Woche ist man zu dem Schluss gekommen, dass andere Projekte wie der elf Millionen Euro teure Umbau des Busbahnhofs in Bergedorf oder der Erhalt des Hafenbahntunnels wichtiger sind. "Natürlich halten wir uns an den Koalitionsvertrag, aber angesichts der Haushaltslage ist eine Prioritätensetzung erforderlich", meinte der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Ekkehard Rumpf, und fügte hinzu, der Grindelhof gehöre nicht mehr zu den prioritären Maßnahmen. Damit wird von der Mitte-Rechts-Koalition erstmals ein im Koalitionsvertrag verankertes Ziel aufgegeben - und damit politischer Ehrgeiz durch Pragmatismus ersetzt. Denn bei dem Streit ging es nicht nur um die Öffnung einer Straße, sondern um unterschiedliche ideologische Ansichten. 1998 hatte die rot-grüne Regierung den Durchgangsverkehr in beide Richtungen gestoppt, die Straße verschmälert, Parkplätze entfernt - und einen Proteststurm bei Handelskammer, ADAC und der CDU-Opposition in der Bürgerschaft ausgelöst. Was SPD und GAL als einen "Schritt moderner Stadtentwicklung" empfanden, war für sie "eine weitere Verkehrsschikane". Die Union warnte im Schulterschluss mit Wirtschaftsverbänden vor für den Einzelhandel fatalen Auswirkungen der Verkehrsberuhigung am Grindelhof. Als dann auch noch erste Geschäfte entlang der Straße wegen starker Umsatzeinbußen schließen mussten, verschärfte sich die Kritik. Sofort nach dem Regierungswechsel kassierten CDU, Schill-Partei und FDP deshalb die Entscheidung und gaben einen neuen Kurs vor. Im Koalitionsvertrag wurde er schriftlich festgehalten: "Der Grindelhof wird wieder geöffnet und die vierspurige Befahrbarkeit der Hochallee wiederhergestellt." Doch der Streit hörte damit nicht auf. Er verlagerte sich nur.Denn nun protestierten zunehmend Anwohner am Grindelhof gegen die Ziele des neuen Senats. Sie befürchteten, dass Lärm und Abgasbelastung wieder zunehmen, wenn die Straße in beide Richtungen befahrbar ist. Überraschenderweise schlossen sich immer mehr Gewerbetreibende der Kritik an. Deren Struktur hatte sich nämlich inzwischen verändert: Die kleinen Einzelhändler, denen mit der Verkehrsberuhigung die Laufkundschaft ausgeblieben war, hatten dicht gemacht. Hingegen lebte die Gastronomie auf. Durch den Rückbau der Straße konnten mehr Tische im Freien aufgestellt werden und die Zahl der Gäste nahm zu. Die ehemalige Durchgangsstraße, die einst 20000 Autos täglich verkraften musste, bekam einen neuen Kosenamen: "Bella Grindola" wurde der Grindelhof wegen seines mediterranen Flairs genannt. Sogar der ADAC spricht sich inzwischen gegen eine Wiederöffnung des Grindelhofs aus. Allein bei der Handelskammer herrscht weiter Skepsis. "Die Umstellung auf einen wechselweisen Eine-Richtung-Verkehr würden wir begrüßen", sagte Günter Dorigoni, Leiter der Abteilung Verkehrsgewerbe bei der Handelskammer. "Das löst aber nicht die Probleme des Grindelhofs." Insbesondere der eklatante Stellplatzmangel sei damit noch nicht behoben. Deshalb fordere die Handelskammer bauliche Veränderungen im nördlichen Bereich zwischen Dillstraße und Hallerplatz.