Grindelhof: Mittags soll die Fahrtrichtung wechseln Bausenator Mario Mettbach will jetzt "Sierichstraßen-Lösung" für den seit Jahren umkämpften verkehrspolitischen Zankapfel

Von Martin Kopp
Die bundesweit einmalige wechselseitige Einbahnstraßen-Regelung in der Hamburger Sierichstraße bekommt einen Nachahmer. Bau- und Verkehrssenator Mario Mettbach (Schill-Partei) will die besondere Verkehrsführung jetzt auf den Grindelhof auszudehnen. "Ich würde die Verkehrssituation am Grindelhof ungern so belassen, wie sie ist, möchte aber auch keine großen baulichen Veränderungen vornehmen. Deshalb plädiere ich für die Sierichstraßen-Lösung", sagte Mettbach der WELT.Auf dieser wird seit 1952 die Verkehrsrichtung zwei Mal am Tag geändert: Von 4 Uhr morgens bis 12 Uhr fließt der Verkehr zweispurig stadteinwärts. Dann schalten Wechselverkehrszeichen ("Einfahrt verboten") und Ampeln automatisch um. Für die nächsten 16 Stunden läuft der Durchgangsverkehr dann stadtauswärts.Die Ausdehnung des wechselseitigen Richtungsverkehrs auf den Grindelhof bedeutet einen Kompromiss. Denn obwohl Senator Mettbach sich gedanklich schon vor Monaten von einer Öffnung der 1998 von Rot-Grün verkehrsberuhigten Straße distanziert hatte, wurde in der Koalition an der Erfüllung des Koalitionsvertrages festgehalten. Und dort steht: "Der Grindelhof wird wieder geöffnet." Insbesondere die FDP pochte auf die Einlösung dieses Vertragspassus.Inzwischen denken aber auch die Liberalen um - in erster Linie aus finanziellen Gründen. Angesichts der knappen Investitionsmittel bleibt der Koalition gar nichts anderes übrig, als einige Projekte auf Eis zu legen: "Natürlich halten wir uns an den Koalitionsvertrag, aber angesichts der Haushaltslage ist eine Prioritätensetzung erforderlich", erklärte der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Ekkehard Rumpf. Der Grindelhof gehöre nicht mehr zu den prioritären Maßnahmen.Zum anderen wird endlich ein sechs Jahre währender Streit um die Zukunft des Grindelhofs beendet. So wie die CDU in der Bürgerschaft damals dessen Verengung auf eine Einbahnstraße mit einem Kreisel ablehnte, kämpften SPD und GAL nach dem Regierungswechsel vor einem Jahr gegen die Wiederöffnung. Und ihre Argumente fanden bei Gegnern Gehör. Denn der Mitte-Rechts-Koalition sind schlichtweg die Gründe für eine Öffnung des Grindelhofs abhanden gekommen: CDU, Schill-Partei und FDP waren darauf bedacht, die Einzelhändler am Grindelhof zu schützen, denen durch die Verkehrsberuhigung die Laufkundschaft abhanden kam.Aber die Struktur des Gewerbes wandelte sich. Die Gastronomie lebte hingegen auf. Durch den Rückbau der Straße konnten mehr Tische im Freien aufgestellt werden, und die Zahl der Gäste wuchs. Der Grindelhof, eine Durchgangsstraße, über die früher mehr als 20 000 Autos täglich donnerten, wandelte sich zur Flaniermeile. Sogar der ADAC sprach sich gegen eine Öffnung der Straße aus: "Die befürchtete Verlagerung des Verkehrs ist ausgeblieben", sagt ADAC-Sprecher Matthias Schmitting. Der Senat hält aber daran fest, dass der Grindelhof seine Stellung als wichtige Nord-Südverbindung behält, und strebt daher die Sierichstraßen-Lösung an. Vom ADAC wird diese abgelehnt. Schmitting: "Für ortsunkundige Fahrer ist das sehr problematisch. Die Sierichstraße sollte keine Nachahmung finden."